Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde auch am anderen Ende der Welt PDF Drucken E-Mail
Dienstag, den 06. Januar 2015 um 16:07 Uhr

Nachdem ich im Sommer 2014 mein Abitur bestand, war für mich klar, dass ich erst noch etwas von der Welt sehen will, bevor für mich der Ernst des Lebens beginnt. Die Entscheidung für mein Reiseziel fiel nicht schwer. Es sollte nach Australien gehen, das Backpacker Ziel Nummer 1, wo ich mir bei warmen Temperaturen keine Gedanken über Handschuhe und Mütze machen muss.

So ging es Anfang Oktober, natürlich erst nach der Vielseitigkeitssaison, für mich zusammen mit zwei Freundinnen für vier Monate „work and travel“ ans andere Ende der Welt. Schon in der ersten Woche erlebten wir eine Menge: Krokodile in freier Wildbahn, atemberaubende Strände und als Highlight ein Tauchgang im Great Barrier Reef, dem größten Korallenriff der Welt. Aber wir stellten in dieser Zeit auch schnell fest: Reisen in Australien ist teuer! Vor allem Lebensmittel und die Kosten für Touren schlagen ordentlich zu Buche. Daher entschieden wir uns erstmal auf Jobsuche zu gehen. Aber wenn wir schon arbeiten müssen, dann doch etwas was Spaß macht und uns auch weiter bringt, Mangos pflücken und kellnern gehört eher nicht dazu. Nach Möglichkeit sollte es also etwas mit Pferden zu tun haben. Die Suche gestaltete sich deutlich einfacher als gedacht und schon eine Woche später saßen wir drei in unterschiedlichen Fliegern. Meine beiden Freundinnen in Richtung Melbourne in einen Springstall und zu einer Kutschenfahrerin und ich nach Sydney zum Vielseitigkeitsstall von Stuart Tinney, dem Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 2000. Auf der Anlage, die etwa eine Stunde außerhalb von Sydney liegt, lebt Stuart mit seiner Frau Karen, seinen zwei Töchtern und circa 15 Pferden. Als die Pflegerin Amy mit mir einen ersten Rundgang über den Hof machte, staunte ich nicht schlecht: Alle Pferde, egal ob Viersterne Sieger oder Rentner, stehen hier Tag und Nacht auf der Wiese und das sogar ohne Gamaschen! Also einen Profi Stall hatte ich mir ehrlich gesagt irgendwie anders vorgestellt.

Natürlich wollte ich auch erstmal den Star im Stall sehen, Pluto Mio, das Pferd mit dem Stuart jüngst bei den Weltreiterspielen in Frankreich den zwölften Platz in der Einzelwertung belegt hat. Allerdings erklärte Amy mir, dass er noch bis Anfang November in Quarantäne ist, bevor er zurück nach Hause kommt. Wow! Was ein Aufwand für ein Turnier das Ende August stattgefunden hat. Dagegen war die Reise für die Deutschen ein Katzensprung.

Schnell stellte ich fest, dass sich der Alltag in einem Profi Stall deutlich von dem unterscheidet, was ich von Zuhause kenne. Der Tag ist komplett durchgeplant, alles wird penibel aufgeschrieben und so etwas wie ,,Ach, das passt schon’’ gibt es hier nicht. Außerdem stieß mein Schulenglisch, mit dem ich bisher prima zurechtgekommen war, schnell an seine Grenzen. Denn mit Vokabeln wie ,,Longiergurt’’, ,,Fesselbeuge’’ oder ,,Schweißmesser’’ war sogar meine Übersetzungs-App auf dem Handy überfordert. Aber da alle hier zum Glück sehr geduldig mit mir waren und Wörter auch dreimal erklärten, waren diese kleinen Anfangsschwierigkeiten schnell vergessen. Schon nach wenigen Tagen durfte ich das erste Mal reiten. Ich war mächtig aufgeregt, man reitet schließlich nicht jeden Tag auf den Pferden von einem Olympiasieger! Mein Reiten kommentierte Stuart mit ,,very german’’, ob das nun gut oder schlecht ist weiß ich allerdings bis heute nicht so genau.

In meiner zweiten Arbeitswoche hatte Stuart einen Unfall im Training mit einem jungen Pferd und brach sich ein paar Wirbel an, was für ihn einige Wochen Reitpause bedeutete. Für mich bedeutete es ab diesem Tag hingegen, dass ich eine Menge Unterricht bekam, da die Pferde weiterhin im lockeren Training bleiben sollten. Was für ihn als Berufsreiter natürlich der absolute Albtraum ist, entpuppte sich für mich zum Glücksfall, denn ich durfte täglich reiten und bekam sogar die Möglichkeit eines seiner Nachwuchspferde auf Turnieren vorzustellen.

Das Vielseitigkeitsturnier bei dem ich starten sollte fand etwa zwei Stunden südlich von Sydney statt, wo außer mir auch noch Stuarts Töchter mit ihren Pferden teilnahmen. Als wir auf dem Turniergelände ankamen, traute ich meinen Augen nicht. Hier scheint es üblich zu sein, die Pferde den ganzen Tag zwischen den Prüfungen am Anhänger oder Transporter anzubinden. Die Pferde sind aber so lang angebunden, dass sie vom Boden grasen können. Ich denke in Deutschland würde jeder vernünftige Mensch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen wenn er so etwas sehen würde. Auch wenn es mir ein Rätsel ist muss ich zugeben, dass ich das ganze Wochenende lang kein einziges Pferd gesehen habe, dass auf seinen Strick getreten ist oder mit seinem Kopf unter diesen gekommen ist und panisch gezogen hat.

Außerdem ist die Größenordnung der Veranstaltungen hier etwas anders. Es gibt zwar insgesamt nicht so viele Vielseitigkeitsveranstaltungen wie in Deutschland, aber wenn es welche gibt, dann sind sie riesig! Es wurden alle Klassen von den kleinsten Einsteigerprüfungen bis hin zur CIC* ausgetragen, mit zwischen 60 und 90 Startern in jeder Prüfung. Es gab alleine sieben Dressurvierecke. Die Geländeprüfung ging durch Kuhweiden um den Turnierplatz herum und hier störte es auch niemanden, wenn direkt neben einem Hindernis der Stacheldrahtzaun wieder anfing oder sich ein paar Schafe auf die Geländestrecke verirrten. Um die enorme Starterzahl an einem Wochenende überhaupt bewältigen zu können, wurde im Abstand von einer Minute auf die Geländestrecke gestartet. Es kam nicht selten vor, dass Reiter mit Problemen auf der Strecke von den folgenden Teilnehmern überholt wurden und die Australier schien es nicht zu stören, wenn sich der überholte Reiter an den Überholenden hängte um so zum Beispiel sein Pferd in den Teich zu bekommen.

Ich startete mit einem 5-jährigen Pferd in der Preliminary-Class, etwa vergleichbar mit einer leichten A-Vielseitigkeit. Seine allererste Vielseitigkeit lief zunächst recht gut, doch meinen aussichtsreichen sechsten Platz nach Dressur und Springen konnte ich aufgrund einer Verweigerung am Wassereinsprung leider nicht halten.

Diese Veranstaltung war die letzte Vielseitigkeit in diesem Jahr für das Tinney Eventing Team, da nun der australische Sommer beginnt und es nicht selten vorkommt, dass das Thermometer über 40 Grad Celsius anzeigt. In dieser Jahreszeit ist es hier einfach zu heiß um die Pferde zu arbeiten und sie bekommen nun etwa 6 Wochen Pause bevor die Vorbereitung für die Saison 2015 beginnt. Deshalb heißt es für mich nun langsam Abschied nehmen, auch wenn mir dieser wahrscheinlich sehr schwer fallen wird, da ich hier viele tolle Menschen kennengelernt habe mit denen das Arbeiten Spaß gemacht hat. Ich mache mich also bald wieder auf den Weg, um mit meinen Freundinnen noch einige Teile Australiens zu bereisen, bevor es im März wieder zurück nach Hause geht. Denn nach „work“ kommt „travel“.

Von Elisa Abeck



Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 06. Januar 2015 um 16:28 Uhr
 
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